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5. Die Auseinandersetzung mit
der Pfingstbewegung

Den ruhigen Jahren des langsamen aber steten Wachstums folgten nach Modersohn schwere Jahre.21  Für Hans von Sauberzweig war es „Die Zeit der großen Krise 1904-1909“22.  Daß „Die Gemeinschaftsbewegung in der Krise“23  war und dies auch Auswir-kungen auf den Reichsbrüderbund hatte, wird an Johannes Seitz deutlich.
Ernst Modersohn, der sich selbst eher neutral gegenüber Kritikern und Befürwortern der Pfingstbewegung hielt, schreibt in seiner Autobiographie: “Das erste was ich von der Pfingstbewegung hörte, waren die Artikel, die Johannes Seitz im „Brüderboten“ über die Bewegung in Los Angeles in Kalifornien veröffentlichte. Seitz hatte lange auf die Wie-derkehr der Apostelzeit mit einer Wiederbelebung der Apostolischen Gaben gewartet. Nun schien die Erfüllung seiner Sehnsucht gekommen. Er schrieb von einem „Pfingsten wie zu der Apostelzeit“.
Er hat dann bald die Artikel abgebrochen, als es ihm klar wurde, daß das doch nicht die Erfüllung seiner Hoffnung sei.“24  Für Modersohn persönlich war es eine „sehr schwere Zeit“25 : „Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich klar und bestimmt auf eine der beiden Seiten hätte treten können. Aber ich konnte es nicht.“
Anders Johannes Seitz: Durch die Brieger Bibelwoche vom 22.-26.04.1907 bei der es um den „Austausch über die Folgeerscheinungen der Erweckungsbewegung in Wales, Kalifornien und Norwegen“27  ging, ließ Seitz „sich anfänglich für die neue Bewegung begeistern“.28  Doch durch die „Mitteilung über die ausländische Pfingstbewegung mit ihren bedenklichen Begleiterscheinungen“29  wurde er nachdenklich gestimmt und konnte sein Mißtrauen nicht verbergen. Er sprach sich schließlich gegen die „Zungenbewegung“ aus und „gehörte damit wohl zu den ersten Gegnern der aufkommenden Pfingstbewe-gung in Deutschland.“30  Vorausgegangen war einerseits die Verbreitung von perfektio-nistischem Gedankengut durch Pastor Paul aus Bentschen. Er war einer der Hauptvertre-ter der Lehre des „reinen Herzens“. Diese Lehre betonte die völlige Sündlosigkeit der Gläubigen, die demnach nicht mehr sündigen. Das „reine Herz“ werde vom Geist emp-fangen und sei die Voraussetzung für die Geistestaufe.31  Andererseits war zur selben Zeit in Wales eine Erweckung ausgebrochen. Unabhängig von Pastor Paul wurde dort „eine besondere Geistestaufe auch derer, die schon lange Zeit im Glauben standen, betont.“32  Ebenso wurde die Lehre vom „Mitgekreuzigtsein“ vertreten. Diese Lehre besagte, daß man durch den Heiligen Geist am Tod Jesu Anteil habe, und dadurch von der Herrschaft der Sünde befreit sei. „Zu einer noch tieferen Erlösung aber wird das Kreuz, wenn man erfährt, daß auch das „Ich“ mitgekreuzigt wird.“33  Die Waliser Erweckungsbewegung hatte also sehr ähnliche Lehren wie Pastor Paul. Der Grundstein für die spätere Pfingstbewegung war damit gelegt.
Schon an Pfingsten 1905 wurde in Mühlheim/Ruhr der Beginn der Erweckung in Deutschland eingeleitet. Nicht jedoch durch Männer wie Pastor Paul, sondern durch Ernst Modersohn und Martin Girkon. Im Gegensatz zu ihrer späteren Neutralität hielten sie die Versammlung „ganz nach dem Muster von Wales“.34  „Die Erweckung breitete sich nun in kurzer Zeit über ganz Deutschland aus.“35  Dabei wurde in den Gottesdiensten eine geregelte Ordnung aufgegeben und statt dessen auf stürmische Gesänge und den Empfang der Geistestaufe wert gelegt.
Erste Ernüchterung und Zweifel kamen etlichen Gemeinschaftsleuten auf der Europäi-schen Konferenz des Jugendbundes für entschiedenes Christentum vom 09.-12.07.1905 in Berlin. „Sie wagten aber nicht öffentlich gegen derartige Verirrungen und Unnüch-ternheiten Stellung zu nehmen.“36  Lange interpretiert dies als „einen Fehler, der nicht wieder gut zu machen war.“37  Die Erweckungen in Wales und auch in Deutschland schufen ein Klima, das „ein starkes Sehnen nach einer großen Erweckung, nach vertief-tem Heiligungsleben, nach Geistestaufe, und ebenso ein gespanntes Hingewendetsein auf die Wiederkunft des Herrn“ weckte.38  Dies war auch beim Reichsbrüderbund zu beob-achten. Einige Beispiele aus dem Brüderboten sollen dies aufzeigen:
 
 
Nummer Datum  Titel des Artikels Seite 
Nr. 1 03.01.1906 In den letzten Tagen 3f
Nr. 2  10.01.1906 Gedanken über Erweckungen 7f
Nr. 5 31.01.1906 Was zur Heilung durch den Glauben gehört 
und was sie aufhalten kann.
17ff
Nr. 7 14.02.1906 Und fingen an in anderen Zungen (Sprachen) zu reden. 27f
Nr. 9 28.02.1906 Erweckung in Indien 34f
Nr. 11 14.03.1906 Und kaufet die Zeit aus, denn es ist böse Zeit (Pastor Paul) 42f
Nr. 14 14.04.1906 Evan Roberts39  – nach einem Jahr 55f
Nr. 17 25.04.1906 Fleischlich und Geistlich 65ff
Nr. 18 02.05.1906 Fleischlich und Geistlich 69ff
Nr. 19 09.05.1906 Fleischlich und Geistlich 74f
Nr. 20 06.05.1906 Rühret kein Unreines an 80
Nr. 22 30.05.1906 Werdet voll Geistes 85f
Nr. 23 06.06.1906 Getauft mit Feuer und Heiligen Geist 
Pfingsten in Indien, China und Japan.
90 
91
Nr. 24 13.06.1906 Die große Pfingstgabe 95
Nr. 25 20.06.1906 Eilet! 
Das himmlische Feuer in Indien
97 
99f
Nr. 26 27.06.1906 Vollkommenheit 101
Nr. 27 04.07.1906 Vollkommenheit 
In den letzten Tagen
105ff 
107
Nr. 28 11.07.1906 Heilig dem Herrn 
Vollkommenheit
109f 
110f
Nr. 29 18.07.1906 Vollkommenheit 114f
Nr. 30 25.07.1906 Vollkommenheit 
Zu spät
118f 
119f
Nr. 31  01.08.1906  Heiligung 124
Nr. 33 15.08.1906  Der Spatregen kommt. Aus: Wie kommt es zur großen Erwek-kung ?(Kommentar d. Redaktion: „Voranstehende Wahrheiten, ent-nommen aus „Sabbathklänge“ waren von Anfang der Gründung des Evangelischen Reichsbrüderbundes ein Teil unserer Glau-benshoffnung. Wir freuen uns, daß diese Wahrheiten von immer weiteren Kreisen vernommen und erkannt werden, und halten sie für wichtig genug, auch unseren Lesern darzulegen.“40 129f
Nr. 37  12.09.1906 Die Gabe des Heiligen Geistes 147
Nr.40 03.10.1906 Getauft mit Heiligem Geiste 159f 
Noch viele weitere Beispiele könnte man aus diesem Zeitraum nennen. Auch aus Texten mit unscheinbaren Titeln läßt sich der starke Wunsch nach einer großen Erweckung her-ausspüren. Auch der „Brüderbote“, das Sprachrohr des Reichsbrüderbundes brachte kri-tiklos Berichte über den Ausbruch der neueren Bewegung und erwartete mit der Ausgie-ßung des Heiligen Geistes und dem Empfang der urchristlichen Gaben auch eine Neube-lebung der Deutschen Gemeinden.“41  Noch ging die Gemeinschaftsbewegung geschlos-sen voran. Die Spaltung in Gemeinschafts- und Pfingstbewegung sollte erst noch kom-men. Es wundert daher nicht, daß einige Schriften von Pastor Paul im Brüderboten bis 1907 erschienen. Die ´Erweckungsbewegung´ hatte genaugenommen zwei Ausgangsor-te. Zuerst ist die Bibelschule in Topeka/Kansas zu nennen. Aufgrund von Forschungen im Neuen Testament über die Notwendigkeit der Geistestaufe kamen die Bibelschüler zu dem Schluß, daß „das Zungenreden der gültige biblische Beweis für die Taufe mit dem Heiligen Geist gewesen ist.“42  Daraufhin wuchs der Wunsch ähnliches zu erleben. Aus-gedehnte Gebetsversammlungen waren die Folge und viele erlebten eine ´Geistestaufe´ und konnten in Zungen reden. Dies bestärkte sie als Evangelisten durch das Land zu zie-hen und ihre Erfahrungen und Erkenntnisse weiterzugeben. Der zweite Ausgangsort ist Los Angeles. In Anlehnung an Wales wurde dort „um größere Ausrüstung mit göttlicher Kraft und für die Rettung der Menschheit gebetet.“43  Wie in Topeka - so geschah es auch hier, daß Menschen mit dem ´Heiligen Geist´ getauft wurden, in Zungen redeten und Zungenreden ausgelegt wurden. „Die enthusiastische Bewegung nahm rasch zu...“44  Über Norwegen kam die Bewegung dann nach Deutschland. Wie oben schon erwähnt, versammelte sich „eine Auswahl von führenden Gemeinschaftsvertretern, unter ihnen Stockmayer, Seitz, Essen, Paul, Edel, Regehly, Simsa und H. Dallmayer...“ zur Brieger Bibelwoche. Seitz war zu diesem Zeitpunkt noch immer positiv gegenüber der neuen Bewegung gestimmt. Doch im Juni 1907 kam die Zungenbewegung auch nach Kassel. „Anfangs nahmen die Versammlungen noch einen ruhigen und normalen Verlauf.“45  Doch das änderte sich, so daß die Versammlungen „auf Drängen der Polizei und der Stadtverordnung“ abgebrochen werden mußten.46  Ab diesem Zeitpunkt setzte bei Seitz die Kehrtwende ein. Er wurde nicht nur mißtrauisch, sondern auch schnell zum über-zeugten Gegner der Bewegung. „Die schärfste Gegnerschaft erfuhr die Pfingstbewegung vom evangelischen Allianzblatt, insbesondere von seinem Schriftleiter Bernhard Kühn, der bei seinen Angriffen von Johannes Seitz unterstützt wurde. Beide Gemeinschaftsfüh-rer haben mit als eine der ersten die Gefahr der schwarmgeistigen Bewegung erkannt und in zahlreichen Artikeln mit aller Energie und Schärfe gegen sie Stellung genommen.“47  Seitz konsequenten Schritte hatten sowohl Befürworter als auch Kritiker. So stellt der Landesverband Landeskirchlicher Gemeinschaften in „Die Sach ist Dein“ fest, daß es dem klaren Blick Johannes Seitz zu danken war, daß die Zungenbewegung „in Sachsen keinen Schaden anrichten konnte.“48  Roth stellt sich theologisch begründend auf die Seite von Seitz: „Daß Vertreter einer Richtung, welche die Sündlosigkeit der Erlösten behauptet, sich auf Stockmayer und seine Botschaft von der völligen Erlösung berufen, beruht auf dem Irrtum, daß sie das, was Stockmayer als Stellung versteht, als Zustand ansehen und behaupten.“49  Andererseits kritisiert Modersohn: „Man versuchte die Ent-stehung der Pfingstbewegung durch eine eigne Dämonologie zu erklären, so besonders Dallmayer, Seitz und Ströter. Hierbei verkannte man vollständig die physisch - psychi-schen Beziehungen, die bei dem Auftreten des Zungenredens hier wie bei ähnlichen reli-gionsgeschichtlichen Erscheinungen andrer Religionen eine Rolle spielen. Statt dessen griff man auf die Dämonen zurück und bewies durch diese Hilfserklärung nur den Man-gel sowohl an geschichtlichem Überblick wie einer Selbsterkenntnis, die aus der Krise zu wahrer Gesundheit hätte führen können. So gelang es der deutschen Gemeinschaftsbe-wegung nicht, die sich inzwischen immer fester organisierende Pfingstbewegung innerlich zu überwinden, so daß die Trennung als Endresultat blieb.“ Schon nach kurzer Zeit wur-den die Differenzen offensichtlich, so daß man sich in Barmen zu einer Aussprache traf. Ein Kompromiß, der öffentliche Auseinandersetzungen für ein Jahr unterbinden sollte, wurde ausgehandelt. Man wollte sich ein Jahr später wieder zusammensetzen.  „Aber sie (die Zungenbewegung, Anm. d. Verf.) durchbrachen diese Verabredung bald wieder.“51  „Während sich die Pfingstbewegung in den meisten Deutschen Gemeinschaftsverbänden aufgrund der unklaren Haltung der Mehrzahl der Mitglieder des Gnadauer Gesamtverbandes52  weiter ausbreiten konnte, formierten sich in zunehmendem Maße auch die Gegner der Bewegung.“53  Michaelis berichtet in seiner Autobiographie, daß General von Viebahn, der ihn auf einer Familienfeier besuchte, bei einem Spaziergang fragte: „Können wir eigentlich länger zusehen, wie Brüder in immer weiterem Umfange in die Zungenbe-wegung sich hineinziehen lassen?“54  Die beiden vereinbarten daraufhin ein Treffen mit Seitz und Wittekind. Diese vier nun berieten sich und kamen zu dem Beschluß, daß eine größere Versammlung einberufen werden müßte. „Diese trat im Herbst in Berlin zusammen.“55  „Am 15.09.1909 erschienen zu der angekündigten Konferenz in Berlin 60 füh-rende Persönlichkeiten aus Gemeinschaftsbewegung und Allianz. Es folgten 19 Stunden intensiver und ernster Verhandlungen, wobei ein Unterausschuß eine schriftliche Erklä-rung vorlegte. Nach einigen Abänderungen wurde schließlich als Ergebnis der Beratung die sogenannte „Berliner Erklärung“ vorgelegt.“56  Die Berliner Erklärung wurde von 56 der anwesenden 60 Brüdern unterschrieben. Die Konsequenz war die Spaltung der Ge-meinschaftsbewegung in Pfingstbewegung und dem Rest der Gemeinschaftsbewegung.



 

 (21) Ernst Modersohn,. Er führt mich auf rechter Straße, S. 101
 (22)Hans von Sauberzweig, Er der Meister- Wir die Brüder, S. 180.
 (23) Dieter Lange, „Der Weg der Gemeinschaftsbewegung von 1918 bis 1933“. Pietismus und
         Neuzeit.
 (24) Modersohn, Er führt mich auf rechter Straße, S. 101.
 (25) Modersohn, Er führt mich auf rechter Straße, S. 102.
 (26) Modersohn, Er führt mich auf rechter Straße, S. 103.
 (27) Dieter Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 176.
 (28) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 179.
 (29) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 179
 (30) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 180
 (31) Vgl. D. Walter Michaelis, Erkenntnisse und Erfahrungen aus fünfzigjährigem Dienst am
         Evangelium, S. 207
  (32) Sauberzweig, Er der Meister- Wir die Brüder S. 185
  (33) Sauberzweig, Er der Meister- Wir die Brüder S. 185, vgl. Lange Eine Bewegung bricht sich
          Bahn S. 163
  (34) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 164
  (35) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 165
  (36) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 166
  (37) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 166
  (38) Michaelis, Erkenntnisse und Erfahrungen S. 204, vgl. Fleisch. S. 511
  (39) Evan Roberts war maßgeblich an der Erweckung in Wales beteiligt.
  (40) Evang. Brüderbote Nr.33 v. 15.08.1906, S. 130
          Der Brüderbote kann im Gnadauer Archiv eingesehen werden.
  (41) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 173
  (42) Lange. Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 170
  (43) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 170, vgl. Sauberzweig, Er der Meister- Wir die
         Brüder S. 189
  (44) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 171
  (45) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 178
  (46) Lange. Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 179
  (47) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 203
  (48) Johanna und Johannes Herberholz: Die Sach ist dein, S. 15
  (49) Alfred Roth, Otto Stockmayer, S. 63
  (50) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 188
  (51) Michaelis, Erkenntnisse und Erfahrungen S. 209
  (52) Der Gnadauer Verband ist die Dachorganisation unter der sich die einzelnen
         Gemeinschaftsverbände sam-meln und gemeinsame Veranstaltungen durchführen.
  (53) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 201
  (54) Michaelis, Erkenntnisse und Erfahrungen S. 209
  (55) Michaelis, Erkenntnisse und Erfahrungen S. 209
  (56) Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, S. 202

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