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4. Der Reichsbrüderbund
Die ersten Anzeichen für diesen Werdegang Hoffmanns und
Paulus zeigten sich Seitz auf seiner ersten Palästinareise 1872. Zwischen
Hoffmann und Paulus einerseits und Hardegg andererseits war es zu unüberbrückbaren
Spannungen gekommen und Hardegg wurde abgesetzt. In dieser Situation kam
Seitz in Palästina an. Durch verschiedene Reden Hoffmanns kam Seitz
der Verdacht, dieser sei „ein fadenscheiniger Rationalist geworden.“15
Nach der Absetzung Hardeggs ernannte sich Hoffmann zum alleinigen Haupt
und Bi-schof der Tempelgesellschaft. Seitz sollte wie alle Mitglieder des
Ältestenausschusses und die Evangelisten die alleinige Autorität
des Bischofs anerkennen. Das war ihm jedoch nicht möglich, da sein
Vertrauen zu Hoffmann bereits gebrochen war. In dieser für ihn heiklen
Lage sah er nur noch den Ausweg einer offenen Erklärung, in
der er deutlich machte, daß er zu diesem Zeitpunkt kein Vertrauen
zu Hoffmann habe und bot gleich-zeitig seine Weiterarbeit an.
Aus Rücksicht auf seine Leistung gegenüber der Tempelgesellschaft
wurde seiner Erklärung entsprochen. Wieder zu Hause auf seinem Arbeitsfeld
in Württemberg mußte Seitz sich wieder mit der Krise zwischen
Hoffmann und Hardegg auseinandersetzen. Die Leute in den Gemeinschaften
wollten Klarheit haben und erkundigten sich nun bei Johannes Seitz. Dessen
Berichte ließen Zweifel an der Integrität Hoffmanns aufkommen.
Die Wahrheit aber konnte er auch nicht verschweigen. Was er gesehen hatte,
das berichtete er auch. Das führte schließlich dazu, daß
von denen, die Hoffmanns Linie folgten, gefordert wurde, Seitz solle sich
ganz unter Hoffmann stellen, wenn er weiterhin in der Tem-pelgesellschaft
arbeiten wolle. Somit war klar, daß für Seitz bald ein neuer
Abschnitt seines Lebenslaufes beginnen würde. Mit der Frage nach Klarheit
zog sich Seitz zurück. Sein Ringen im Gebet um eine Antwort wurde
bald beantwortet. Er bekam das Angebot nach Schlesien zu gehen. Die Gesellschaft
wollte ihn nicht verlieren, wohl aber mundtot machen. Johannes Seitz nahm
die faktische Verbannung dennoch gerne an.
Zwei Jahre lang arbeitete der nun 34-jährige Seitz und der kurze
Zeit danach hinzugeru-fene Bruder Bleich in einem Arbeitsfeld in Schlesien,
Posen und Brandenburg. Hier mußte Aufbauarbeit geleistet werden.
Noch auf der Reise nach Württemberg sang er Danklieder. Eigentlich
sollten Bleich und er nur zu einem Tempelfest nach Württemberg. Es
kam anders. Seitz konnte seinem festen Entschluß, zu den Problemen
mit Hoffmann zu schweigen nicht nachkommen. Noch vor seiner Abreise zurück
zu seinen Arbeitsfel-dern wurde eine Ausschußsitzung anberaumt. In
dieser Sitzung sollte auf Antrag von Hoffmann Taufe und Abendmahl wegen
des Mißbrauches der mit ihnen getrieben wurde, abgeschafft werden.
Seitz und Bleich erhoben zwar Einspruch, doch wurde dem Antrag gemäß
Taufe und Abendmahl abgeschafft. Noch auf der Heimreise im Juli 1877 wurden
die beiden Evangelisten von der Tempelleitung informiert, daß sie
wegen ihrer Stellung zur Tauf- und Abendmahlsfrage als Evangelisten abgesetzt
seien. Einige Zeit später folgte das endgültige Aus für
beide. In der „Tempelwarte“, der Zeitschrift der Gesell-schaft, erschien
ein Artikel, der beide diffamierte und bekanntgab, daß sie aller
Ämter enthoben seien.16 Seitz
sollte nun sein Arbeitsfeld verlassen. Wie er es immer bei wichti-gen Entscheidungen
zu tun pflegte, so zog er sich auch diesmal für eine gewisse Zeit
zurück. Das Ergebnis war, daß er vom Deutschen Tempel innerlich
ganz frei wurde.
In Dresden traf er kurze Zeit später Blaich. Der wollte sich noch
einmal mit Hoffmann verständigen. Nach einer leidenschaftlichen Begründung
seiner neuen Freiheit gewann Seitz das Herz Blaichs. Sie beschlossen, gemeinsam
nach Amerika zu gehen, um dort zu evangelisieren. Doch Briefe aus Schlesien,
Posen und Brandenburg brachten sie davon ab. Die Schreiber forderten die
beiden zur Rückkehr nach Ostdeutschland auf und be-kundeten ihren
Willen, einen eigenen Verband zu gründen.
Im Juli 1878 wurden dann die Statuten des „Evangelischen Reichsbrüderbundes“
entwor-fen (Siehe Anhang S. VII). Bei der Gründung dieser frühesten
Organisation der Neupietistischen Landeskirchlichen Gemeinschaften17
waren dann Vertreter aus Posen, Brandenburg, Schlesien, Sachsen und Württemberg
anwesend. Zu Beginn der Arbeit in dem jungen Verband waren Blaich und Seitz
die einzigen Evangelisten. Durch teilweise groß-zügige Spenden
konnten jedoch bald weitere Evangelisten eingestellt werden. Kenn-zeichnend
für diese erste Zeit war rasches Wachstum des Brüderbundes. Seitz
schreibt, daß er „fast das ganze Jahr über auf den Arbeitsfeldern
herumreiste, die sich uns an allen Ecken und Enden auftaten“18
Diese Situation bereitete ihm große Not. Obwohl nach einiger Zeit
weitere Mitarbeiter gewonnen wurden, kam es zur Übernahme von Arbeitsfel-dern
des Reichsbrüderbundes durch andere Verbände, die fähig
waren, die jungen Ge-meinschaften zu betreuen. Daß dies nicht nur
in der Anfangszeit so war, zeigt das Bsp. der Gemeinschaft in Grabenstetten/Schwäb.
Alb, auf das unter „Der Württembergische Brüderbund 1933“ kurz
eingegangen wird. In dieser notvollen Situation tat Seitz das, was er konnte:
Er betete. Eine ganze Nacht flehte er um Geld, um Evangelisten anstellen
zu können, damit die Arbeit nicht länger zerrissen würde.
Auch hier durfte er die groß-zügige Hilfe Gottes erfahren. Tags
darauf erhielt er von einem Ehepaar die Zusage über jährlich
RM 10.000,--. Dies bedeutete für den Reichsbrüderbund, daß
14 Evangelisten eingestellt werden konnten.19
Mit der Zeit vergrößerte sich die Arbeit des Reichsbrüderbundes
und festigte sich auch. Diese jungen Gemeinschaften fanden langsam aber
sicher ihren Standpunkt. Die alten Gemeinschaftsbewegungen, vor allem im
Südwesten Deutschlands, waren durch die Jahrhunderte in Tradition
und Lehre gefestigt. Die Standfestigkeit mußten die Gemeinschaften
im Osten in den ruhigen Jahren erst noch finden, bis die große Auseinandersetzung
mit den Lehren der Pfingstbewegung aufkam.20
(15) Seitz, Erinnerungen und Erfahrungen,
S. 42.
(16) Seitz, Erinnerungen und Erfahrungen, S. 51.
(17) Martin Schmidt, Pietismus, S. 156.
(18) Seitz, Erinnerungen und Erfahrungen, S. 61.
(19) Seitz, Erinnerungen und Erfahrungen, S. 63.
(20) Vgl. Gerhard Ruhbach, Pietismus und Neuzeit,
S. 85.
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