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3. Die Tempelgemeinschaften
Gottlieb Wilhelm Hoffmann gründete 1818 die Gemeinde in
Korntal. Sie war eine Antwort auf die große Auswanderungswelle vor
allem von pietistisch geprägten Einwohnern Württembergs.
Durch die zunehmend rationalistischen Züge in der Evangelischen
Landeskirche machte sich großer Unmut breit. Als dann Johann Albrecht
Bengel die Wiederkunft Jesu und den Beginn des Tausendjährigen Reiches
auf den Sommer 1836 berechnete8 , wurde
der Auswanderungswelle noch mehr Boden bereitet. Endzeitstimmung breitete
sich aus, zumal einige in Napoleon I den Antichristen sahen. So kam es,
daß viele Christen auswanderten – ihrem Herrn entgegen.
Über Rußland und Innerasien wollte man nach Israel. Doch
schon in Rußland, in dem man sich nur vorübergehend ansiedeln
wollte, endete die Reise. Der württembergischen Regierung gefiel die
Auswanderungswelle nicht. Es wurde sogar behördlich davor ge-warnt.9
In dieser Situation gründete der Bürgermeister von Leonberg mit
dem Wohlwollen der württembergischen Regierung eine freie Gemeinde,
in der man auf das Wiederkommen Jesu warten konnte und „die denen eine
Zuflucht bot, die den auch in die württembergische Kirche einbrechenden
Rationalismus ablehnten.10“
Gottlieb Hoffmann war von Anfang an Gemeindevorsteher in Korntal. In
dieser Gemein-de wuchs sein Sohn Christoph auf und wurde von ihr geprägt.
Er selbst wurde ein viel beachteter Theologe. So setzte er sich mit David
Friedrich Strauß und Theodor Vischer, zwei Rationalisten auseinander
und bezwang beide. Dadurch mußte Strauß seine Repe-tentenstelle
im Tübinger Stift verlassen und der König sah sich gezwungen,
Vischer von seiner Professorenstelle in Tübingen zu entfernen.11
Später unterlag Strauß dann auch noch bei einer Wahlschlacht
in Ludwigsburg. „Der Erfolg war, daß Hoffmann anstatt Strauß
als Abgeordneter der ersten Deutschen Nationalversammlung teilnahm.12“
Hoffmann erschrak, als er in Frankfurt feststellen mußte, daß
außer dem Fabrikanten Metz aus Freiburg im Breisgau niemand das Christentum
wirklich vertrat. „Das brachte ihn auf den Gedanken der Sammlung des Volkes
Gottes in Jerusalem. Unter dem Namen „Der deutsche Tempel“ wollte man eine
Gemeinde sammeln, die aus all dem antichristlichen Unglauben ausgegangen
sei und sich zu dem Zweck vereinigen solle, das Christentum in seiner ursprünglichen
Gestalt und Kraft wieder aufzurichten.13“
Seitz erläutert darauf die Gründe, die die Schwarzwälder
zum „Deutschen Tempel“ zogen: G. D. Hardegg, einer der Wegbegleiter Hoffmanns,
stellte 1. Kor 12 in den Mittelpunkt, was die Schwarzwälder zu der
Überzeugung brachte, daß die Tempelgesellschaft das fortsetzte,
was von Blumhardt begonnen wurde.
Durch Christoph Paulus kamen rationalistische Elemente in den Deutschen
Tempel. Er stand seinem Schwager Christoph Hoffmann von Anfang an treu
zur Seite. Er erlebte zwei Prägungen: Die eine, pietistische, kam
von seiner Mutter, die die Tochter von Philipp Matthäus Hahn und Enkelin
von Johann Friedrich Flattich war. Die andere, rationalistische, kam von
seinem Vater. Dessen Vetter und Schwager Heinrich Eberhard Gottlob Paulus
war geheimer Kirchenrat und Professor in Heidelberg. Er war einer der Hauptbegründer
und Vertreter des Rationalismus.14
Sein Einfluß war so stark, daß beide, Hoffmann und Paulus,
sich dem Rationalismus zuwandten.
(8) M. Johann Christian Friedrich Burk, „Dr. Johann
Albrecht Bengels Leben und Wirken“, S. 278.
Bengel akzeptiert
jedoch im Gegensatz zu Sektierern, daß er sich irren kann. Er schreibt
auf Seite 300: „Sollte
aber selbst das
Jahr 1836 ohne merkliche Veränderung vorbeystreichen,
so wäre ein Hauptfehler in meinem
System...“
(9) Max Runge, „Johannes Seitz“, S. 41.
(10) Runge, Johannes Seitz, S. 192.
(11) Seitz, Erinnerungen und Erfahrungen, S. 40.
(12) Runge, Johannes Seitz, S. 42.
(13) Seitz, Erinnerungen und Erfahrungen, S. 40-41.
(14) Runge, Johannes Seitz, S. 105-106.
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