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7. Der Württembergische
Brüderbund 1933

Mit der Machtergreifung Hitlers sahen sich nicht nur die beiden großen Kirchen vor einer gewaltigen Herausforderung, die dann in den Kirchenkampf mündete. Auch die Gemeinschaftsbewegung mußte sich neuen Begebenheiten stellen. Durch ihren besonderen Status standen viele Gemeinschaften kurz vor dem Verbot. Zu jenen gehörte auch der Württ. Brüderbund. Die Auseinandersetzung der Gemeinschaftsbewegung als ganzes mit den neuen Begebenheiten berührte etliche kleine Verbände und lose Gemeinschaften nicht so sehr, da für sie die Existenzfrage beherrschend war. „Am einschneidendsten wirkten sich auf die Gemeinschaften indessen der Göring-Erlaß vom Dezember und das Sammlungsgesetz 71  vom 5. November 1934 aus. Der Göring-Erlaß, mit dem offensichtlich die BK72  getroffen werden sollte, verbot sämtliche öffentliche Veranstaltungen und Kundgebungen kirchlich - konfessionellen Charakters außerhalb der Kirchen. Aufgrund dieses Gestapo-Erlasses wurden von örtlichen Polizeistellen die Bibelstunden und Evangelisationen der Gemeinschaften verboten, die in gemieteten Räumen, z. B. in Schulen und Wirtshäusern stattfanden. Den Zugriff der Polizei gelang es teilweise dadurch mit Erfolg abzuwehren, daß man den Raum mit einem altarähnlichen Tisch, zwei Kerzen und einer Altarbibel ausstattete und als gottesdienstlichen Raum zu erkennen gab. In anderen Fällen händigte man den Besuchern mit Namen und Datum versehene Eintrittskarten aus, um den Bibelstunden etc. den Charakter von geschlossenen Veranstaltungen zu geben.“ 73
„Am Samstag Nachmittag kommen die Brüder von den Gemeinschaften nach Urach. Es handelt sich um Anschluß an einen großen Verband oder Auflösung.“ 74  Die verantwortlichen Brüder des Württ. Brüderbundes ahnten schon Mitte 1933, daß für ihren Verband eine große und schwere Frage ins Haus stand. Prediger Hubmer, der damals Schriftführer des Württ. Brüderbundes war, berichtete sofort dem Verbandsvorsitzenden Bruder Petri von der Sachlage, wie Schättel sie ihm schilderte. Außer dem Anschluß an einen größe-ren Verband, wobei Schättel und die Brüder aus Urach, Donnstetten, Berghülen, Hepsisau und Ochsenwang den Reichsbrüderbund bevorzugten,75  nannte Hummer noch seine Ansicht, daß man sich auf keinen Fall den Alpietisten anschließen werde. Auch ein Zusammenschluß mit den Liebenzellern würde glücklicherweise ausscheiden und ein Zusammengehen mit der Süddeutschen Vereinigung „wird auch nicht allgemein in Frage kommen.“ Er stellte die Frage an das Chrischonawerk, wie es deren Gemeinschaften in Württemberg ginge.76  Schon am Tag darauf antwortete ihm Petri und schließt einen Anschluß an Altpietisten Süddeutsche und Liebenzeller wegen der „lokalen Verhältnisse“ aus. Auch er bevorzugt ein Zusammengehen mit Chrischona in Württemberg. Zu dem schrieb er bereits an Michaelis, der den Vorsitz des Gnadauer Verbandes innehatte, wegen des Anschlusses an Gnadau.77
Am 16.09.1933 trafen sich die verantwortlichen Brüder zu einer Sitzung, bei der das weitere Vorgehen und die Antwort aus Gnadau besprochen wurde. „Die Sitzung war wohl eine der wichtigsten, die wir im Brüderbund schon hatten. Wir merkten alle, es geht jetzt bei unserer Entscheidung um Sein oder Nichtsein.“ 78 Am selben Tag schrieb Hubmer an Bruder Birk in Trossingen: „Der Württembergische Brüderbund sucht sich mit anderen noch freistehenden Gemeinschaften, die den Charakter der Freiheit behalten möchten und dafür zu gewinnen sind, zusammenzuschließen unter dem Vorsitz von Br. Petri. Dieser hat mit den Behörden zu verhandeln. Er hat bereits mit Pastor Dr. Michae-lis, dem Vorstand des Gnadauer Verb. korrespondiert, auch andere kompetente Persönlichkeiten angesprochen. Es ist zu hoffen, daß dieser erweiterte Brüderbund als einzelner Verband in Gnadau aufgenommen wird. Voraussetzung allerdings ist, daß dieser Verband mindestens 50 Gemeinschaften umfaßt.79  Br. Petri hat bereits mit der Leitung der Munderschen Gemeinschaften sich in Verbindung gesetzt und hofft, dieselbe mit ihren etwa 20 Gemeinschaften für. einen Anschluß zu gewinnen.“ Er hoffte, daß dies auch die rechte Lösung für Trossingen wäre.80  Wie sehr den Gemeinschaftsleuten die Zeit davonlief erkennt man unter anderem daran, daß schon Montag, den 18.09.1933 der Entscheid der Munderschen Gemeinschaften sich zum Württ. Brüderbund zu halten, bekannt wurde. Somit fehlten noch sechs freie Gemeinschaften, „die gerne ihre Freiheit bewahrt haben und nicht ins Joch einer straffen Organisation gesteckt werden wollen.“ 81
Sofort machte man sich auf die Suche nach den noch sechs fehlenden Gemeinschaften. Ein Bruder Müller aus Tübingen, der von einigen Gemeinschaften im Schwarzwald wußte, die in der gleichen prekären Lage waren wie der Brüderbund und die Munderschen, wurde deshalb von Hubmer angeschrieben, er möge ihm doch die Adressen der Gemeinschaften zukommen lassen und die Gemeinschaften über den Besuch durch den Brüderbund informieren. „Doch die Sache hat Eile. Wir müssen unbedingt mit dieser Ordnung dem Gesetz vorauseilen, ehe man uns einfach einer Organisation zudiktiert.“ 82  Zu den guten Nachrichten kam auch eine schlechte. Hubmer mußte den Verlust der Gemeinschaft in Grabenstetten feststellen. Die Gemeinschaft war gegen den Willen des Leiters, Br. Bode und des Kassiers Br. Bläher von dem Liebenzeller Prediger, Br. Gugel bei den Liebenzellern zum Zweck des definitiven Anschlusses angemeldet worden.83   Am 21.09.1933 antwortete Müller Hubmer und nannte ihm die seiner Ansicht nach in Frage kommenden Gemeinschaften. Diese sind: Die Gemeinschaften, die durch Bruder Stäbler gegründet wurden in Schernbach, Göttelfingen, Erzgrube und Rodt. Darüber hinaus Gundelshausen, Rainerzau und Fürnsal.84  Folgende Gemeinschaften im Schwarzwald wurden ebenso angefragt: Dietersweiler, Grunbach, Unterjettingen und Neubulach.
Petri und Hubmer machten sich auf die Reise durch den Schwarzwald, um die einzelnen Gemeinschaften zu besuchen und über den Beitritt zu dem Brüderbund zu verhandeln. Die Reise war sehr erfolgreich, da Hubmer am 30.09. berichten konnte, daß sie an den Stellen waren, „die in Frage kommen und die auch teilweise durch Bruder Müller von unserem Kommen unterrichtet waren. Bis auf zwei Orte haben sich alle entweder schon ganz entschlossen, mit uns zu gehen, oder aber was die Kreise Stäblers betrifft, es doch in Aussicht gestellt. Nächste Woche wird hierüber in Verb. mit Trossingen der Bescheid zugehen, ob wir sie als die unsrigen anmelden können.“ 85  Diese Meldung konnte rasch gemacht werden und dadurch stand dem Aufnahmeantrag, der am 06.10.1933 nach Gnadau geschickt wurde, nichts mehr im Wege.
Am 28.10.1933 wurde die Zusammenschlußurkunde unterzeichnet.86

8 Die Munderschen Gemeinschaften
Die Gemeinschaften waren im Vereinsregister ab dem 17.06.1899 unter dem Namen „Württembergische Landeskirchliche Gemeinschaft“ geführt.
Die Entstehung der Gemeinschaften ging auf den Einsatz der Brüder Gottlob (1869-1925) und Hermann Munder (1876-1946) zurück.
Die beiden Brüder waren 1907 bei einer Zeltevangelisation der Deutschen Zeltmission zum Glauben gekommen. Jakob Vetter, der Gründer der DZM, deren Gründung im Garten des Schlosses Hauptwil in der Schweiz beschlossen wurde , predigte damals in Bad Cannstadt auf dem Wasen. Gottlob Munder, der durch ein Zeugnis eines Konfirmanden fragend geworden war, wurde durch Vetters Predigten so sehr angesprochen, daß er sich nicht nur bekehrte, sondern auch gleich mitarbeitete. Mit Eifer lud er ein. Zu den Eingeladenen gehörte auch sein Bruder. Der ging zwar widerwillig mit, wurde aber wie sein Bruder durch die Worte getroffen, so daß er zum Glauben fand und sich fortan mit Eifer für das Reich Gottes einsetzte.
Die beiden waren zwar selbst erst ein paar Tage gläubig, machten es sich aber dennoch zur Aufgabe, die Neubekehrten weiterzuführen, nachdem die DZM weitergezogen war. So traf man sich im Haus Munder, um das Wort Gottes zu studieren.
Im Lauf der Zeit etablierte sich diese Versammlung und etliche fanden zum Glauben. Einige der Brüder wurden von den Brüdern Munder zum Dienst eingesetzt und hielten Versammlungen und Evangelisationen in etlichen Ortschaften im Remstal ab. Aus diesem Dienst entstanden dann weitere „Mundersche Gemeinschaften“.


  (71) RGBL I, S. 1086, siehe vollständig im Anhang S. III-VI
  (72) BK ist die Bekennende Kirche
  (73) Erich Günter Rüppel. „Die Gemeinschaftsbewegung im 3. Reich“, S. 230
  (74) Karte von Bruder Schättel an Prediger Hubmer.
  (75) Der Württ. Brüderbund übernahm zwar den Namen Brüderbund, jedoch war die
          Verbindung  zum Reichs-brüderbund nur lose. Der eigentliche Ursprung geht zwar auf Seitz
          und seine Evangelisten zurück, doch war der Württ. Brüderbund immer unabhängig vom
          Evang. Reichsbrüderbund.
  (76) Brief von Hubmer an Petri v. 06.09.1933
  (77) Brief von Petri an Hubmer v. 07.09.1933
  (78) Brief von Hubmer an Bruder Schmantz v. 18.09.1933
  (79) die gesetzlichen Bestimmungen lauteten, daß nur noch die Verbände anerkannt werden
          sollten, die im Gna-dauer Gesamtverband standen.
  (80) Brief v. Hubmer an Birk v. 16.09.1933
  (81) Brief v. Hubmer an einen nicht genannten Bruder in Sierchingen v. 18.09.1933
  (82) Brief v. Hubmer an Müller v. 18.09.1933
  (83) Brief v. Hubmer an Petri v. 18.09.1933
  (84) Brief v. Müller an Hubmer v. 21.09.1933
  (85) Brief v. Hubmer an Gotthold Staiger v. 30.09.1933
  (86) Brief v. Hubmer an Werner v. 06.11.1935

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